Das war Track 1

Was hat Unternehmenskultur mit Produktentwicklung zu tun?

Für aufmerksame Programmleser wurde sehr schnell deutlich, dass im Track 1 die Unternehmenskultur Hauptthema aller 6 Vorträge war. Das war natürlich kein Zufall. Auf unseren Call for Papers gab es eben eine verblüffend große Zahl von Einreichungen, die sich um die „Kulturfrage“ gedreht haben. Auch in der Vorbefragung war das Thema der klare Gewinner bei der „Größte Probleme“-Frage. Daher war es nur folgerichtig, einen kompletten Track der Unternehmenskultur zu widmen. Der Andrang in den Vorträgen und die vielen Mitdiskutierer in der Speakers Corner nach den jeweiligen Vorträgen war hier klare Bestätigung. Die Vorträge wurden von Christian Kaschuba moderiert.

Wenn ich es zusammenfassen sollte, dann so: Wenn die Produktentwicklung richtig schiefgeht, liegt das Problem immer irgendwie in der Unternehmenskultur.

Rolf Schulte Strathaus erzählt über die neuen Spielregeln

Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass wir die Working Products nur veranstaltet haben, damit ich die Keynote halten kann. Stimmt aber nicht.
Aber ich wollte natürlich schon zu Beginn Denkanstöße geben. Darum habe ich einige Trends und Entwicklungen zu den drei großen Themenblöcken Produktinnovation, Produktkultur und Produktmanageralltag vorgestellt. Wenn du wissen willst, wie ich Ernest Hemingway, Michael Jackson, den Papst und einen professionellen Rugby-Spieler in eine Präsentation bekommen habe, schau dir die Slideshare-Präsentation der Keynote an.

Johannes Mainusch über Eisberge, IT, Management und Chaos

Johannes hat in bewährt souveräner Manier über seine Physiker-, IT-Leiter- und Produktmanager-Sicht auf gescheiterte Produktentwicklungen berichtet. Besonders erhellend: Die Vergeblichkeit von hutschi-butschi agilen Teams innerhalb von strikt hierarchischen Unternehmen.
Auch der Vortrag von Johannes ist online zu finden.

Matthias Hallmann über Holacracy bei Springest

Nach den Problemen hatte Matt von Springest eine erste Lösung. Das Zauberwort heisst Holacracy und besagt, dass klassische Hierarchien und Manager abgeschafft und durch Rollen mit klaren Zuständigkeiten ersetzt werden. So wird jeder Mitarbeiter zum kleinen Chef innerhalb seiner Rollen.
Matt hat über die Erfahrungen von Springest mit Holacracy erzählt und die Vorteile an einem Produktentwicklungsbeispiel erklärt. In der Speakers Corner gab es dann unglaublich viele Nachfragen dazu. Für uns war Matt’s Vortrag besonders spannend, da wir uns ja entschlossen hatten, Holacracy bei eparo einzuführen. Neugierig: Matt’s Vortrag ist auch natürlich auch online.

Joachim Ritter über Produktmanagement im Konzernumfeld

Nach der heilen Welt der Startups hat Joachim aus dem Nähkästchen der Produktentwicklung bei 1&1 geplaudert. Besonders erhellend war die Einsicht, dass man zwar zwingend eine kreative, kooperative und agile Produktkultur braucht, um gute Produkte entwickeln zu können, aber diese Kultur nicht in die typische Konzernlandschaft passt.
Die kreative Lösung für dieses Dilemma: Mimikry. Heisst, die interne, coole Organisation wird versteckt. Nach außen zu den anderen Bereichen und Abteilungen werden klassische Managementstrukturen und Verantwortliche präsentiert. So merkt die Organisation nichts von der schönen neuen Produktwelt und es gibt keine Abstoßungsreaktionen.

Severin Bandera über Produktentwicklung als Joint Venture bei Daimler

Wie wird ein Autobauer schnell innovativ in der digitalen Welt? Daimler setzt auf CINTEO, ein Joint Venture mit einer Digitalagentur. CINTEO tritt als interne Digitalagentur für Daimler an, wo innovative digitale Produkte entwickelt werden.
Severin berichtet über die Ziele, die ersten Projekterfahrungen und die Eingewöhnungsschwierigkeiten der Daimler-Kollegen. Ich bin gespannt, wie schnell CINTEO wirklich auf 500 Mitarbeiter wächst. Ein irres Ziel, das zeigt, wie wichtig digital für Daimler ist. Den Vortrag gibt es als Aufzeichnung auf Youtube.

Jens Scharnetzki über agile Teams bei Yello Strom

Für Jens stellt sich die Umstellung auf agile Produktentwicklung als nicht so schwierig dar. Bei Yello wurde agile Produktentwicklung erst im kleinen Rahmen ausprobiert. Die Erfolge und messbaren Vorteile haben dann ausgereicht, um eine Art Zellteilung zu ermöglichen und weitere agile Produktteams zu gründen. Alles in allem war Jens der Silberstreif am Horizont. Allerdings sagt er selbst, dass das auch viel mit der Kultur und der Unternehmens-DNA zu tun hat.

Produktkultur und Hierarchien passen nicht zusammen

Zwei Beobachtungen drängen sich nach den sechs Vorträgen und den lebhaften Diskussionen auf:

  1. Digitale Produktentwicklung braucht andere, agile Organisationsformen, um der Komplexität gerecht zu werden und mit der notwendigen Geschwindigkeit und Innovationskraft arbeiten zu können.
  2. Leider passen agile Organisationsformen nicht in klassische Unternehmensstrukturen. Um erfolgreich arbeiten zu können, gibt es die unterschiedlichsten Strategien: Von der mühsamen Koexistenz über Camouflage bis zum Auslagern in eigene Unternehmen. Noch ist unklar, was dabei am besten funktionieren wird.
    Auf jeden Fall zeigt die Resonanz auf die Vorträge und die vielen Diskussionen im Anschluss in der Speakers Corner, dass das Thema Produkt- und Unternehmenskultur für Produktmanager ganz zentral ist für bessere (digitale) Produkte.

Track 2

Digitale Produkte ausdenken, bauen und betreiben

Bei der Planung des Programms haben wir die beiden Tracks inhaltlich stark voneinander abgrenzt. Während im Track 1 der Schwerpunkt auf Unternehmens- und Produktkultur lag, ging es im Track 2 eher um das Produktmanagerhandwerkszeug.
Die sechs Vorträge im Track 2 wurden von Christoph Kappes moderiert, der auch die jeweils anschließende Speakers Corner in der sich die Teilnehmer nach den Vorträgen mit den Referenten austauschen und mit ihnen diskutieren konnten, begleitet hat.

Christo Zonnev, E.ON und die Agentur: So verschmelzen Welten

Christo Zonnev von Interone und Jan-Philipp Rombolotto von E.ON haben gemeinsam den Anfang gemacht in Track 2. Sie haben aus ihren Erfahrungen von der Zusammenarbeit großer Unternehmen und Agenturen bei der Entwicklung digitaler Produkte berichtet und verraten, dass es dabei auf eine hochgradig kollaborative Zusammenarbeit ankommt. Besonders spannend waren dabei die Einblicke in die gemeinsamen Projekträume vor Ort und die Erkenntnis, dass die Grenzen zwischen Kunde und Dienstleister bei der agilen Zusammenarbeit im Team verschwinden.

Der Vortrag hätte thematisch auch gut in Track 1 gepasst! Aber die restlichen Vorträge wurden dann richtig praxisnah…

Sebastian Klein über die Startup-Sicht auf Produktentwicklung

Als nächstes hat Sebastian Klein am Beispiel von Blinkist erzählt, wie die Produktwelt in seinem Startup blinkist funktioniert. Besonders die Umstrukturierung der internen Prozesse und Aufgabenverteilungen ist dabei in Erinnerung geblieben. Durch diese Maßnahmen wurden die Leistungen des Startups skalierbar und blinkist so für Investoren attraktiver. Das sind Aspekte, die im „normalen“ Produktmanager-Alltag eher seltener auftauchen.
Besonderer Added Value von Sebastians Vortrag: Er hatte ne Menge Tipps für wirklich gute Bücher zu Themen wie Lerntechniken (Brain-Based Learning), Ideen-Darstellung (MADE to STICK) und Textformulierung (Das Pyramiden Prinzip). Die Slides von Sebastians Beitrag gibt es auch online.

Nach Sebastians Vortrag war es dann auch schon Zeit für die Mittagspause. Achtung Werbeblock: Um das Catering hat sich die Produktionsschule Altona, kurz PSA, gekümmert. Die PSA bietet benachteiligten Jugendlichen die Möglichkeit, Berufserfahrungen zu sammeln und so doch noch den Start ins Arbeitsleben zu schaffen. Wir machen inzwischen fast unser komplettes Catering mit der PSA.

Während alle am Buffet waren, konnte im Raum von Track 2 in Ruhe gearbeitet werden. Selbst schuld, wer das Catering verpasst ;-)

Patrick Roelofs über das Kaufen von Unternehmen

Nach der Mittagspause hat dann Patrick Roelofs von XING über seine Erfahrungen mit „Kaufen statt selberbauen“ berichtet. Manchmal sei es effizienter, das gewünschte Produkt einfach zu kaufen, statt es selber zu entwickeln. Patrick hat das ziemlich anschaulich am Beispiel von „eqipia“, einem Dienst zur Mitarbeiterempfehlung, dargestellt. Er hat über die Entscheidungsfindung für den Kauf von „eqipia“ und auch den Weg zur eigentlichen Übernahme berichtet.

Oliver Nachtrab über Win/Loss Analysen

Im Vortrag von Oliver Nachtrab von namasas wurde es dann sehr praktisch. Er hat die Methodik Win/Loss Analyse erklärt. Damit achtet man nicht nur auf die eigenen Stärken, sondern auch auf die Risiken und Schwächen und kann so gezielt neue Produkte und Services entwickeln. Oliver hat das an einer ganzen Reihe von Beispielen ziemlich plastisch dargestellt. Die Slides zu Olivers Vortrag sind über SlideShare verfügbar..

Inken Petersen über die Product Discovery Toolbox

Inken Petersen von Ubercreative hat über die Product Discovery Toolbox berichtet. Das hat richtig viele Teilnehmer interessiert. Der Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Inken hat mit dem Agile Product Discovery Playbook eine Art Kochrezept vorgestellt und an vier Beispielen erklärt, dass Abläufe und Methoden sich je nach Entwicklungsziel unterscheiden. Auch bei der anschließenden Diskussion in der Speakers Corner war es richtig voll. Ein zentrales Thema war dabei die Frage, wie ein gutes Entwicklungs-Team aufgestellt sein sollte. Die Präsentation von Inken gibt es auf SlideShare.

Stefan Haas über die Validierung von Produktideen

Im letzten Vortrag hat Stefan Haas von #podojo mit seinem Beitrag „Your opinion, although interesting, is irrelevant.“ sehr ausdrucksstark für eine frühe und gnadenlose Validierung von Produktideen plädiert. Sein konkretes Beispiel: Der Misserfolg des Amazon Fire Phone, der durch eine frühzeitige Validierung der Produktidee hätte verhindert werden können. „Because Jeff wants it.“ ist kein gutes Argument für die Entwicklung des Produkts.
Stefan hat verschiedene Validierungsmethoden vorgestellt und jeweils konkret auch was zum Zeitaufwand für jede der Methoden erzählt. Seine Präsentation gibt es als PDF.

Praxistipps für Produktmanager

Insgesamt gab es im Track 2 gute Einblicke in die einzelnen Abschnitte der digitalen Produktentwicklung: vom Erkennen, in welchem Bereich im Unternehmen Optimierungsbedarf besteht, über die anschließende Entscheidung für oder gegen die Entwicklung einer eigenen digitalen Lösung, bis hin zur Wahl der Validierungsmethoden für die Produktidee und zur anschließenden Entwicklung des Produktes. Als i-Tüpfelchen wurden darüber hinaus Beispiele für die agile Zusammenarbeit von Unternehmen und Dienstleistern sowie zur Skalierung eines erfolgreiche Produktes vorgestellt.

Viele der Sessions am zweiten Tag hatten folgerichtig auch einen inhaltlichen Bezug zu den Vorträgen im Track 2.